Die Eisen-Heinrich-Fanpage

Eine Liebeserklärung von Andreas Klostermaier

Ich bin nicht gerade ein begnadeter Heim- und Gartenwerker. In der kleinen 2-Zimmer-Wohnung, die ich bis zum Jahrtausendwechsel zusammen mit meiner Frau bewohnte, war der Bedarf an handwerklichen Arbeiten ziemlich überschaubar. Musste mal ein Nagel zum Aufhängen eines Bildes in die undurchdringlichen Betonwände verbracht werden, lieh ich mir eine Bohrmaschine aus, nahm einen Tag Urlaub, kaufte einen Satz Betonbohrer, bohrte mein Loch und brachte anschließend die verschlissenen Bohrer artig zum Altmetall. Der Dübel wurde irgendwie passend zurechtgeschnitten, eine Schraube wurde aus dem alten Fahrrad entwendet und die Bilder waren immer so groß, daß sie die Krater in der Wand locker überdeckten. Elektroarbeiten sind da schon eher meine Stärke, wenn man von einigen historischen Fehlschlägen einmal absieht (es ist erstaunlich, wieviel Schaltungsmöglichkeiten vier Doppel-Wechselschalter erlauben, wenn man vergißt die Anschlüsse zu kennzeichnen).

Der Bau eines Eigenheims vor einigen Jahren veränderte alles. Ein Tag Arbeit zum Aufhängen eines Bildes würde meinen Resturlaub in Nullkommanix aufbrauchen (an Umzug wäre gar nicht zu denken) und auch meine beachtlichen Fähigkeiten als humanoider Phasenprüfer versagten beim ersten Kontakt mit dem Hauptanschluß. Der teilweise noch aus Kindertagen stammende Inhalt meines Junggesellen-Werkzeugkästchens sorgte zwar für erhebliche Heiterkeit beim Rohbauer, überlebte indes aber nicht einmal die Dauer des Aushubs. Also, Profiausrüstung musste her, und die Beschaffung derselben führt für einen Eglinger früher oder später zum "Eisen Heinrich".

Ich erinnere mich noch genau, wie es begann. Der erste heftige Schneefall im letzten Winter und ich schaufelte mich mit meiner nietnagelneuen Praktibillig-Schneeschaufel durch 30 Meter Einfahrt Richtung Straße. Alle 30 Sekunden legte ich eine Verschnaufpause ein, in der ich kurz die Zeit hochrechnete, die ich bis zur Straße noch brauchen würde - bis zum frühen Nachmittag sollte ich es schaffen können, wenn nicht der Schneepflug zwischenzeitlich nochmal durchkam. Na gut, zugegeben, ich bin nicht gerade top in Form, aber als ich meine 70jährige Nachbarin wie eine Dreschmaschine durch die Schneeberge wirbeln sah – auf dem Weg zum Friedhof, den sie ehrenamtlich ebenfalls vom Schnee befreit – da drohte dies zum Auslöser einer handfesten Midlife-Crisis zu werden! Sie musste meinen ungläubigen, panischen Blick gesehen haben, jedenfalls wendeten sich die Schneefontänen in meine Richtung und Augenblicke später stand sie vor mir. Sie lachte, deutete auf meine Schneeschaufel und meinte, ich solle mal bei "Eisen Heinrich" vorbeischauen und eine richtige Schneeschaufel kaufen.

"Eisen Heinrich" – allein der Name schon! Eisen, Heinrich, der eiserne Heinrich, Siegfried, Nibelungen, Tatzlwürmer, Ambosse und Schmiedehämmer, Schwerter, stolze weisse Rösser und schwarze Ritter – das sind die Assoziationen, die mir bei "Eisen Heinrich" ins Bewußtsein kommen und die Werkzeuge im historischen – zur Straße offenen – Beschlagstand verstärken diese Erwartung noch. Doch innen hat der Laden nichts Martialisches. Eine Unzahl von Regalen nimmt bis unter die Decke alles auf, was man bei Eisen Heinrich käuflich erwerben kann: Äxte (in allen Grössen), Seile (aus allen Materialien, in allen Durchmessern, in allen Längen), Traktoren, Rasenmäher, Beilagscheiben (gerne auch einzeln), Dübel (mit und ohne Fischer-Patent, aber immer gleich zuverlässig), Sägen (auch die japanischen, die auf Zug gehen), Vorhangstangenringe (zum Ausprobieren, wenn man den Durchmesser nicht weiss), Dichtungsringe, Knöpfe, alle Arten von Haushaltsgeräten, Installationsbedarf, Sanitärzubehör, Staubwedel, Kinderspielzeug (von der Rassel bis zum elektrischen Kipperlader), Bohrmaschinen (bergwerkstauglich), Baueisen, Elektrobedarf, jede Art von Werkzeug (in allen Legierungen die auch in der Raumfahrt Verwendung finden), Campingartikel, Gartenutensilien, Pumpen und sovieles mehr, daß der von meinem Internet-Provider zugestandene Speicherplatz zur Auflistung nicht reichen würde. Fast alles wird in jeder Menge abgegeben (ja, nur weil ich es wirklich wissen wollte, habe ich schon einen einzelnen Dübel gekauft), vieles auch verliehen.

Hier also bekomme ich eine neue Schneeschaufel. Der Stiel ist im Durchmesser oval, mit Leinöl getränkt, für meine Grösse passend. Kippt nicht, rutscht nicht. Die Schaufel wurde für die Ewigkeit mit dem Stiel vereinigt und eignet sich besonders gut zum Schieben auf unebenem Untergrund. Eine umfangreiche Einweisung in verschiedene abend- und morgenländische Schneeschaufel-Techniken ist im Kaufpreis eingeschlossen. Die Einweisung wird natürlich nur mir zuteil – die Heerscharen von Eglinger Profi-Handwerkern, die sich im hinteren Teil des Eisen-Tempels um den Altar-ähnlichen Verkaufstresen herumdrücken, benötigen solche Hilfe längst nicht mehr. Sie tun ihre Wünsche mit wenigen Silben in einem archaischen Idiom kund ("zwoa achta schäiin"), oder tauschen nur stumme Blicke mit einem der Familienmitglieder, die die Verkaufsmannschaft stellen. Drei Generationen kraxeln hier auf den Leitern vor den endlosen Regalen herum und bewahren das Wissen darum, welche Schraube und Belegscheibe in welcher der vieltausenden Schächtelchen aufbewahrt wird – sozusagen von Druide zu Druide.

Lassen Sie sich von den 30 unterschiedlichen Rasenmähermodellen, die im Frühjahr vor dem Geschäft zum Verkauf aufgereiht werden, nicht täuschen. Für Ihre Anforderungen gibt es nur ein Modell. Eins in der gehobeneren Preisklasse. Eins, daß es im Baumarkt ganz sicher nicht gibt. Exzellent verarbeitet, genau richtig für Ihre Gartengröße, Ferrari-Rot, verwindungssteif, mit allen Sicherheits- und Prüfsiegeln, zerlegt sich durch Anhauchen in ein kleines handliches Päckchen, ist für Ihre einsfünfundneunzig Körpergröße handgeschmiedet worden und führt Sie gefühlvoll über den Rasen, der bei dieser Gelegenheit nicht nur in der gewünschten Grashalmlänge geschnitten, sondern nebenbei auch noch gelüftet und massiert wird. Man versäumt nicht, Sie darauf hinzuweisen, dass sie in hundert-Mark-Abständen nach oben und unten auch bedient werden könnten, aber irgendwie wissen Sie, dass Sie für das nächstgrößere Modell einen besonderen Führerschein bräuchten und als nächstkleineres eine japanische Sense bekämen. Alles dazwischen wäre Baumarkt-Gerümpel. "Baumarkt" ist so eine Art Tabuwort, dreimal die 6, die Antithese zum Eisen Heinrich. Aber keine Sorge: wenn Sie am zentralen Tresen den Lastschriftzettel ausfüllen (denn obwohl man EC- und Kreditkarten nicht kennt, zahlen Sie hier tatsächlich noch mit Ihrem guten Namen), dann hat die Liebe zu Ihrer Neuerwerbung den Schmerz über die Kosten schon längst überwogen. Und in 20 Jahren wird der Rasenmäher (immer noch störungsfrei seine Rasenmassage verrichtend) Ihre Aufnahme in den Oldtimerclub Endlhausen garantieren.

Wenn ich so zurückblicke, ist Eisen Heinrich ein mystischer Ort. Ein Ort, in dem die physikalischen Gesetze nicht gelten und die Kontinuität von Raum und Zeit aufgehoben ist. Wann immer ich bei Eisen Heinrich nach etwas frage, sagt man mir, das stehe in dieser und jener Ecke. Es ist immer die gleiche Ecke und immer finde ich dort, wonach ich gefragt habe. Wenn ich alle Dinge, die ich aus dieser Ecke bereits gekauft habe, Revue passieren lasse, dann passen sie gar nicht in die Ecke rein. Es geht nicht vom Volumen her. Das meine ich, wenn ich von der Diskontinuität des Raumes bei Eisen Heinrich spreche. Man schickt mich in die Ecke – in meine Ecke – und dort finde ich das Gesuchte. Fragen Sie mich nicht nach Erklärungen, es ist ein Wunder. Ich habe es wissenschaftlich angepackt: ich gehe rein, sofort in meine Ecke – und finde das Gewünschte nicht. Ich gehe an den Altar, frage nach, man schickt mich in meine Ecke und jetzt ist es da. Wer das versucht zu begreifen, kann nicht bei Eisen Heinrich einkaufen.

Wer seine Einfahrt in einer halben Stunde vom Schnee befreien will, muss glauben - so einfach und so schwierig ist das!

PS: Und wer jetzt glaubt, dass mir hier die Fantasie durchgegangen ist, der möge sich durch einen Besuch beim Eisen Heinrich vom Gegenteil überzeugen: Adresse und Infos zu den Öffnungszeiten gibts unter http://www.eisen-heinrich.de/.